Petit-Socco: Des Sultans Blog


Die Ankunft - Tangers Medina

Angekommen! Eine Unterkunft in der Medina von Tanger ist organisiert, Geld wurde gewechselt, Essbares aufgetrieben. Am Ende des dritten Tages habe ich die wichtigsten Abläufe des täglichen Lebens größtenteils verinnerlicht.

Der Ankunft in Tanger ging ein Flug von Bremen nach Malaga und eine zweistündige Busfahrt von Malaga nach Algeciras voraus. Die anschließende Überfahrt nach Marokko per Fähre verlief problemlos, wenn auch mit spanischer mañana Verspätung. An Deck bot sich eine windige, aber beeindruckende Aussicht auf die Meeresenge Gibraltars: marokkanische Felsenküste Backbord, spanisches Festland Steuerbord. Der neue Fährhafen liegt 40 Kilometer außerhalb des Stadtgebietes, was eine weitere Busfahrt erforderlich machte. Nach einem langen Marsch vom Bahnhof zu Tangers Altstadt, der Medina, auf dem ich einige Schlepper einsammelte, die sich nicht davon abbringen lassen wollten, mich ein Stück des Weges zu begleiten, jedoch ebenso schnell wieder verschwanden, stelle ich fest, dass die sogenannten faux guides hierzulande im Vergleich zu indischen Verhältnissen nur als zurückhaltend zu bezeichnen sind.

Die Medina liegt an einem Hang in unmittelbarer Nähe zum Hafen. Sie erscheint einerseits als abgeschlossener Raum, der die Essenz des islamischen Lebens einfängt, und ist andererseits ein beispielhafter Ort der kulturellen Durchmischung. Die hohen weißen Mauern umfassen ein Mosaik von dicht an dicht stehenden mehrstöckigen Wohnhäusern, die in ein unübersichtliches Gassengewirr eingebettet sind. Wenige kleine Plätze und Kreuzungen geben Orientierung. Statt permanent einen angestrengten Blick in den Reiseführer zu werfen, empfiehlt sich, für jeden Gang einige Minuten Umwegszeit einzuplanen. Die prächtigen Eingangstore erlauben eine Art Diffusion mit der restlichen Stadt. Gleichwohl Tangers Medina einen sehr sauberen Eindruck macht, muss man dennoch nicht auf den süßlichen Geruch von verwesendem Fleisch und anderen Abfällen auf den Straßen verzichten. Was für Spanien die Hunde, sind für Marokko die Katzen. Sie erledigen die Müllverwertung, liegen schläfrig auf dem Pflaster oder tollen miteinander herum.

Meine Unterkunft in der Nähe zur Hafentreppe fällt in die Kategorie Taubenschlag, womit in diesem Preissegment jedoch durchaus zu rechnen war. Zimmer mit drei Betten, einfacher kalter Dusche und Waschraum im obersten Stock einer Pension, die seine besten Tage bereits hinter sich hat. Vom überdachten Patio führt eine Treppe in rechteckigem Verlauf über vier Stockwerke nach oben. Der unmittelbare Zugang zur Dachterasse und ihr Blick über weite Teile der Medina, den Hafen und die Strandpromenade sind ein unbedingter Pluspunkt. Die Straßen vor der Pension werden tagsüber von Schwarzafrikanern dominiert. Einige bieten Schmuck und Sonnebrillen auf vor ihnen ausgebreiteten Tüchern an. Eine gewisse Missgunst zwischen ihnen und ihren marokkanischen Kollegen, die meist feste Stände unterhalten, ist nicht zu übersehen. Haschisch ist allerorts aufzutreiben und wird abends in den gut besuchten Kaffeehäusern geraucht. Hier spielen Männer unterschiedlichen Alters Pachisi, die marokkanische Variante des Mensch-ärger-dich-nicht. Jederzeit können sich die lautstarken Unterhaltungen an den Tischen durch einen einzelnen Ausruf zu einem sich überschlagendes Stimmengewirr entwickeln, um kurz darauf ebenso schnell wieder zu verebben. Ein endloser Kreislauf, an dem die Männer Gefallen zu haben scheinen. Das Café al Khadra an der Hafentreppe ist zu meiner bevorzugten Adresse für derlei Schauspiel bei gleichzeitigem Genuss eines frischen Minztees geworden.

Auf einen ausführlichen Bericht bezüglich der marokkanischen Küche muss zwar an dieser Stelle aufgrund des bis heute Abend anhaltenden Ramadans verzichtet werden, die ersten kulinarischen Eindrücke sind allerdings durchaus erfreulich. Wie sich hingegen der Dauerkonsum von zuckrigem Minztee und Süßgebäck auf das Wohlbefinden meiner Zähne auswirkt, wird sich in den nächsten sechs Wochen zeigen. Doch auch eine sehr schmackhafte Couscous-Gemüseplatte mit einem erfrischenden Salat aus sehr klein geschnittenen Tomaten, Gurken und Zwiebeln können hier genossen werden. Am ersten Abend teilte ein junger Marrokaner auf dem Grand Socco, dem ehemaligen Haupt-Marktplatz, einen Beutel Datteln mit süßer Milch mit mir. Dabei erzählte er mir eine dieser typischen Liebesgeschichten von einer Touristin, die sich in ihn verliebt hätte und die er bald besuchen wolle.

Eine kurz vor der Reise zugezogene Prellung an der rechten Hand behinderte mich vor allem die ersten beiden Tage, an denen ich mir kaum die Schuhe zubinden konnte - doch die Schwellung geht langsam zurück. Mit Abduhl, der tagsüber den Eingangsbereich der Pension bewacht, tausche ich übrigens erste zögerlich hervorgebrachte arabische Sätze aus. Leider ist seine Begeisterung manchmal so groß, dass er mir die Hand heftig schütteln will. Mein schmerzverzerrtes Gesicht scheint ihn dabei jedoch zu irritieren.

Dass Marokko ein Paradies für Fotografen ist, kann ich nach meinem ersten Eindruck mit Vorbehalt bestätigen. Trotz des Bilderverbots im Islam gibt es keine heftigen Reaktionen auf das Beiführen meiner Kameraausrüstung. Ich verzichte allerdings zur Zeit auch auf einige reizvolle Motive von verschleierten Frauen oder alten Männern. Dies empfiehlt sich umsomehr, da die Stimmung auf den Straßen der Medina nicht immer friedfertig ist. Es lässt sich da doch einiges an Gezeter und Geschubse beobachten. Heute fuhr ein Wagen zu dicht an einen Melonenstand, was den Fahrer und den Melonenverkäufer zu einem heftigen Faustkampf veranlasste. Der Mob aus jungen umstehenden Männern griff erst ein, als der Fahrer aus seinem Wagen ein Messer hervor holte. Ein mir entgegenkommender Mann versuchte mich mit einem Lächeln zu beschwichtigen und erklärte, das die Männer am Ende der langen Fastenzeit einfach nur sehr hungrig und aufgebracht seien!

Die auf einem Hügel über der Medina thronende alte Festungsanlage, die Kasbah, ist auch aufgrund des sagenhaften Ausblicks auf die Meeresbucht und dem verschlungenen Garten lohnenswert. Das burroughsianische Universum aus seinem Roman Naked Lunch breitet sich einem unmittelbar vor den Füßen aus. Ein Flügel im Gebäude des Tanger American Legation Museum ist zudem dem Schriftsteller Paul Bowles gewidmet, dessen Sammlung marokkanischer Berbermusik dort zu bestaunen ist. Die Cafés in denen sich die Schriftsteller Anfang der 1950er Jahre trafen sind längst zu Touristen-Attraktionen geworden und dadurch in ihr Gegenteil verkehrt. Denn der ehemalige Ort für Geheimagenten, Schmuggel und Prostitution ist heutzutage alles andere als ein Ort der Nichteinmischung. Die Interzone ist vorbei und dennoch entstehen neue zwielichtige Treffpunkte am Rande der Medina im Hafenviertel.

Weiteres folgt...


 

 

 

7.8.13 22:58

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